„Von der Waldschadenserhebung zu einem Nachhaltigkeitsbericht über den Wald“ – Fit für die Zukunft: 24 Jahre Waldzustandserhebung in Bayern

Seit 1983 ist der jährliche Waldzustandsbericht ein wichtiges Instrument forstlicher Umweltvorsorge. Mit Blick auf den Klimawandel und die neuen Herausforderungen für Wald und Forstwirtschaft erscheinen die Urteile und Rezeptionen über den Waldzustandsbericht oftmals sehr rückwärtsgewandt. Wissenschaftlich wird vor allem der Indikator Kronenzustand kritisiert. Er sei zu ungenau und unspezifisch, um Wirkzusammenhänge mit Luftschadstoffen erkennen und erklären zu können. Als Vitalitätsindikator hat sich der Kronenzustand jedoch bewährt. Seine vergleichsweise einfache und systematische Stichprobenerhebung stellt eine Säule der heutigen Umweltbeobachtung dar. Weitere Instrumente wie die Intensivbeobachtung an ausgewählten Standorten wurden entwickelt. Auch wenn die Waldsterbenshypothese längst als widerlegt gilt, bedient sich die mediale Öffentlichkeit noch immer sehr emotionaler Metaphern und Klischees. Das Bemühen um Klarheit, Seriosität und Problembewusstsein in den aktuellen Waldzustandsberichten spiegelt sich darin nur bedingt wider. Nicht ohne Grund bemängeln Waldbesitz und Forstpolitik deshalb eine einseitige Außenwahrnehmung und wünschen sich ein vollständigeres Bild von den Risiken und Chancen für eine nachhaltige Forstwirtschaft.

Ein einfaches Inventurverfahren und ein systematisches Messnetzes zur Erfassung der „Waldschäden“ wurde bis zum Jahr 1983 entwickelt und eingerichtet. Dies war notwendig, um Ausmaß und Verlauf der flächig gemeldeten Schäden zu erkennen. Die Forstpolitik handelte. Gezielte Waldverjüngungs-, Aufforstungs-, und Sanierungsprogramme an den Schadensbrennpunkten in den Hochlagen von Frankenwald, Fichtelgebirge, Bayer. Wald und Alpen wurden Mitte der 80-er Jahre gestartet, andere folgten. Die Ergebnisse und Informationen aus den Waldzustandsberichten haben das umweltpolitische Handeln und die Erfolge der Luftreinhaltepolitik seit Beginn der Waldschadensdiskussion entscheidend mitbeeinflusst (z.B. Großfeuerungsanlagen-Verordnung). Die Befürchtungen des sterbenden Waldes bestätigten sich erfreulicher Weise nicht, eine allgemeingültige Ursachendiagnose für das Phänomen fehlte aber. Mit dem Wissensfortschritt in der Waldschadensforschung wurden deshalb die Informationen aus dem Monitoring ergänzt, und um weitere Aspekte, wie z.B. Insektenschäden und Witterungsereignisse erweitert. Die Zustandsinventur der Waldböden erweiterte den Focus dann auf Schäden im Ökosystem.

Der Weg zu einer umfassenderen Diagnose war in Bayern bereitet, als der Landtag den Aufbau von Waldklimastationen beschloss. Bis zur Mitte der 90-er Jahre ist in vielen Ländern, vom Nordkap bis zu den Kanaren ein zweistufiges System repräsentativer und intensiver Beobachtung im Wald entstanden (Level I und Level II) das europaweit qualifizierte und vergleichbare Informationen zur Waldgefährdung liefert. In den Messungen und Analysen der Schadstoffeinträge und des Bodenwassers an den Level II-Standorten konnten in der Folge Schadwirkungen der Luftschadstoffe auf Waldboden und Störungen der Waldfunktionen an vielen Standorten nachgewiesen werden. Erfolge wie Handlungsbedarf der Luftreinhaltung werden seither an ihren Wirkungen erkennbar. Die Ergebnisse fließen in internationale Protokolle zur Luftreinhaltung ein. Die kontinuierlichen meteorologischen Messreihen der Level II-Waldstandorte bieten eine hervorragende wissenschaftliche Basis für die Beurteilung von Witterungsextremen und die Bewertung ihrer Auswirkungen im Wald. Auf Daten aus diesem Messprogramm stützen sich z.B. wichtige Kenntnisse über den Jahrhundertsommer 2003 und seine Folgen für Zuwachs und Vitalität.

Anhand unterschiedlicher Indikatoren zu Vitalität und Wachstum, zur Witterung und zum Wasserhaushalt, zu Boden und Wasserqualität und zu den Immissionsbelastungen ist seit 2001 ein Waldzustandsbericht in Bayern entstanden, der eine weitreichendere Diagnose und Expertise zum Waldzustand erlaubte, weg von der Kronenansprache, hin zu einem umfassenden ökologischen Bericht. Fragen des Klimawandels und der biologischen Vielfalt wurden behandelt.

Die gesellschaftlichen Anforderungen an unsere Wälder erfordern, so Minister Miller bei der Präsentation des diesjährigen Bayerische Waldzustandsberichtes, einen weiteren, noch umfassenderen Ansatz. Erstmals werden 2006 konsequent Aussagen zu allen drei Säulen der forstlichen Nachhaltigkeit, der Ökologie, der Ökonomie und zu sozialen Aspekten aufbereitet. Künftig werden in die Zustandsanalyse somit auch wichtige Struktur- und Leistungsmerkmale zur wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Bedeutung des Waldes und der Forstwirtschaft einbezogen, was die Umsetzung forstpolitischer Strategien unterstützen wird. Teilweise fehlen geeignete Indikatoren in diesen Bereichen. Ihre Entwicklung wird ebenso eine Aufgabe sein, wie die notwendige Neuausrichtung und Optimierung bestehender Instrumente der forstlichen Umweltbeobachtung, der sich Bayern gemeinsam mit den Bundesländern stellt. Die Harmonisierung der Stichprobenmessnetze des Forstlichen Monitoring und forstlicher Inventuren in Bayern ist ein erster wichtiger Schritt, hin zu einer effizienteren Datennutzung und einem besseren Verständnis von Ursache und Wirkungen.

Die Entwicklung zum „Waldbericht“ der die Situation von Wald und Forstwirtschaft in ihren Potentialen und Schwierigkeiten konkret für das betroffene Jahr darstellt und jährlich berichtet ist eingeleitet und sinnvoll.


Autor: Hans Peter Dietrich ist Leiter des Sachgebietes Umweltmonitoring an der Bayerischen Landesanstalt für Wald und Forstwirtschaft

 

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